Die Idee einer linearen Fortschrittsentwicklung der Menschheit
Seit wann gibt es den sog. Fortschrittsgedanken? Existiert er schon seit der Antike bei Griechen und Römern oder ist er erst während der Aufklärung im 18. Jahrhundert entstanden? Hierüber gibt es seit Jahrzehnten kontroverse Meinungen.
Nach dem deutschen Historiker Christian Meier kannte die Antike trotz Verbesserungsäußerungen keinen „eigentlichen Fortschrittsbegriff, in dem sich vielerlei Verbesserungserfahrungen und –erwartungen gebündelt hätten“. Nach Meier existierte in der heidnischen Antike kein Glauben daran, dass die Geschichte in einem umfassenden Veränderungsprozess stehe und sich gesellschaftliche Bedingungen laufend verbesserten. Es habe lediglich ein „Verbesserungsbewusstsein“ gegeben, wobei besonders dem Fortschrittsglaube hinsichtlich technischer Entwicklung Raum gegeben wurde.
Auch im mittelalterlichen Denken fehlte nach heutiger Ansicht ein umfassendes Fortschrittsbewusstsein hinsichtlich der geschichtlichen Entwicklung. Im MA hatte das Bewahren von Traditionen Vorrang vor einem erneuernden Fortschrittsglauben, auch die beherrschende christliche Theologie wirkte begrenzend auf fortschrittliche Denkweisen.
In der Neuzeit äußern sich bedeutende Denker wir Giordano Bruno oder Francis Bacon zum Fortschrittsprozess; letzterer sieht das Greisenalter der Welt in seiner Zeit und nicht in der Antike bestehend, die Antike sei vom heutigen (seiner Zeit) Standpunkt aus als jung zu betrachten, da sie chronologisch gesehen näher zum Beginn der Zeit liege als die gegenwärtige Epoche. Klassische Definition Bacons: Das sog. Altertum sei die Jugend der Menschheit, unsere Zeiten aber seien in Wirklichkeit die Zeiten des Alters. Interessant auch eine Äußerung Galileo Galileis zur Menschheitsentwicklung: „der Wissensschatz der Menschheit nehme insgesamt in der Geschichte zu, die jeweils jüngste Erkenntnis sei immer die bessere“. Insbesondere bei Kant dominiert die Sichtweise, die Geschichte hätte sich als einmalig-linearer Forschritt der Natur entwickelt, wobei er bei der Entwicklung der geistigen Anlagen des Menschen unterscheidet zwischen: 1. Kultivierung und Ausbildung in Künsten und Wissenschaften, 2. Zivilisierung oder Einschränkung egoistischer Antriebe durch gesellschaftlichen Zwang, 3. Moralisierung oder die Förderung der Sittlichkeit durch Religion, Sitte und Erziehung.
Zentrismen in der Philosophie
In der Kulturphilosophie spricht man heute von “Zentrismen” in Hinsicht auf die kulturelle Entwicklung von Völkern, wobei Kultur hier im weitesten Sinne zu betrachten ist, die Philosophie jedoch in erster Linie das “geistige Erbe” und somit unterschiedliche Denkweisen/Philosophien aber auch Religionen betrachtet und vergleicht. Dies alles ist Gegenstandsbereich der Interkulturellen Philosophie, die sich zu öffnen versucht gegenüber den Denktraditionen anderer Kulturen und auf gleicher Augenhöhe (zumindest als Ideal) durch sachliche Dia-bzw. Polyloge eine Annäherung erstrebt.
Der österreichische Kulturphilosoph Franz Martin Wimmer sieht jegliche Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Religionen rein kulturell und somit sozial und traditionell bedingt und nicht durch die biologische Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Rassen erklärbar; durch eine Analyse der Denkformen der westlichen Tradition vor der kolonialistischen Phase sollen die Ursachen für die verzerrte Sichtweise einer eurozentristischen Überzeugung gefunden werden. Sein Ansatz von Interkultureller Philosophie ist antieurozentristisch orientiert, sie ist gegen die Abhängigkeit von jeglichen kulturellen Zentren gerichtet, somit nicht nur gegen den Eurozentrismus, sondern u.a. auch gegen einen Sino- oder Afrozentrismus.
Die Position des Eurozentrismus oder des expansiven Zentrismus stellt die westlich-europäische Kultur mitsamt ihrer Philosophie/Wertevorstellungen in den Mittelpunkt und betrachtet sich gegenüber anderen Kulturen und Philosophien als überlegen. Meist wird ein einziger geradliniger Prozess in der Entwicklung der Menschheit angenommen, der mit Notwendigkeit abläuft und dessen Ziel in der westlichen Industriegesellschaft einschließlich westlicher Wertevorstellungen und Wissen gipfelt. Der Eurozentrismus hat einen ausdehnenden Charakter, der fremde Wertevorstellungen schrittweise zu beseitigen und durch die eigene zu ersetzen versucht. Es wird davon ausgegangen, dass „universale Akkulturation“ zwar weltweit stattfindet, jedoch letztlich zu einer Entwicklung aller Völker und Kulturen auf gleicher Ebene führt, die Akkulturation geschieht jedoch in Form einer Anpassung ausschließlich an die westliche Kultur, wobei deren rationalistische, individualistische, säkularistische und wissenschaftliche Zivilisation angestrebt wird.
Ein Verhaftetsein in der eurozentristischen Denkweise gilt heute nicht nur mehr in der Philosophie als überholt und rückständig. Ein Ringen der westlichen Philosophie, die sich selbst als übermächtig und positiv in ihrem eigenen geschichtlichen Verlauf, sowie in Bezug auf andere Philosophietraditionen einschätzt, bleibt dennoch nicht aus; es gilt, in Kommunikation mit fremden Denkrichtungen zu treten, ohne die eigenen Werte zu leugen einerseits, andererseit ohne in Überheblichkeit aufgrund der Überzeugung der eigenen Überlegenheit zu verfallen.
Eine weitere Einordnung nach Wimmer stellt der integrative Zentrismus dar, ein Beispiel hierfür wäre die chinesische Tradition, die pauschal gesprochen schon im Konfuzianismus und Daoismus (Konzept des „Nicht-Eingreifens“) begründet liegt, hier wird ebenso von der Annahme der alleinigen Gültigkeit der eigenen Denkweise ausgegangen; die Attraktivität der eigenen Weltsicht wird als ausreichend für die Überzeugung fremder Kulturen betrachtet; somit ist keine „gewaltsame Bekehrung“ nötig. Es bestehen also gemeinsame Tendenzen zum expansiven Typ. Beide Zentrismen betrachten fremde Denkweisen als Vorformen oder Entwicklungsstufen der eigenen Denkform. Beide Typen leugnen die Vielseitigkeit der Kulturalität; sie gehen von einer einseitigen Entwicklung der Philosophie aus mit Ursprung im Okzident, bzw. asiatischen Raum; gleichzeitige Entwicklungen mit gleichwertigem Entwicklungsstand in anderen Kulturen werden bestritten. Man muss dennoch festhalten, dass der integrative Zentrismus wohl weniger „radikal“ ist, andere Denkweisen sollen nicht ausgelöscht werden, fremde Völker sollen nicht belehrt werden; es wird die Auffassung vertreten, fremde Kulturen würden von alleine die eigene Sichtweise übernehmen, wenn sie in ihrer Entwicklung dazu reif wären.
Eine weitere Form stellt der multiple oder separative Zentrismus dar; dieser Typus erkennt zwar das gleichzeitige Bestehen von eigenen sowie fremden Denkweisen (diese sind unabhängig voneinander und existieren wie Inseln) oder Kulturen an (dieser Ansatz ist in der Kultur- oder Philosophiegeschichte sichtbar, wenn von einem wesentlichen und nicht überbrückbarem Unterschied zwischen „östlichen“ und „westlichen“ Denkweisen gesprochen wird, so z. B. von einer „anderen Logik“ des Buddhismus). Dennoch versucht dieser Typ keinen gemeinsamen Konsens mit anderen Denkweisen anzustreben; man erhebt keine universalistischen Ansprüche, sondern versucht lediglich Mitglieder der eigenen Gruppe zu vereinnahmen. Der Ansatz hat relativistischen Charakter.
Eine streng separative Auffassung würde einen Verzicht auf Argumentation bedeuten und andere Denkweisen nur noch „tolerieren“; fremde Theorien und Denkweisen würden nicht mehr auf mögliche Richtigkeit und Notwendigkeit hin analysiert werden; eine echte Akzeptanz findet so nicht mehr statt, denn dies würde eine kritische Auseinandersetzung voraussetzen. Bestenfalls kann es zur Hochschätzung oder Tolerieren andere Kulturen kommen, es dominiert jedoch die Annahme von Verschiedenheit und Vielheit, nicht die der Homogenität und Einheit.
Die letzte Form, die Wimmer vorschlägt, ist die des tentativen Zentrismus (tentativ= versuchsweise, probeweise). Hierbei wird die einzelne Person mit ihrer eigenen kritischen Argumentation und Einsicht ins „Zentrum“ gestellt; ihr wird die Möglichkeit eingeräumt, die eigene Denkweise zu verlassen und sich im Dialog aufgrund von Argumenten und Einsichten einer anderen Denkweise zuzuwenden, ein Perspektivenwechsel ist somit aufgrund eigener Einsicht möglich (jenseits von Mode oder Willkür).
Der tentative Zentrismus geht davon aus, dass es in jeder Kultur Lebensformen, Denkweisen und Ausdrucksformen gibt, die für die jeweilige Kultur charakteristisch sind, aber auch Gemeinsamkeiten unabhängig der kulturellen Prägung, die in jeder Kultur auftreten. Diese Form des Zentrismus soll die eigene Position ebenso in Frage stellen, wie die fremde; ein Dialog oder Polylog mit fremden Kulturen kann zustande kommen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Denkweisen sich auf gleicher Ebene begegnen.
Gerade letzterer Ansatz birgt sicher viel idealistisches. Dennoch ist festzuhalten, dass Dia- und Polyloge mit fremden Kulturen im Zeitalter der Globalisierung auf allen Ebenen verstärkt stattfinden, ob ökonomische Interessen hierbei der treibende Motor sind, mag häufig zutreffen, ist jedoch speziell für die Annäherung auf geisteswissenschaftlicher Ebene nicht negativ zu bewerten. Dennoch gestaltet sich die Umsetzung in der Praxis nicht selten schwierig; Sprachbarrieren spielen hierbei sicher eine Rolle, aber ebenso die Tatsache, dass traditionelle Denkauffassungen bestimmter Kulturen gar keine Verankerung im wissenschaftlichen Betrieb der eigenen Kultur gefunden haben; so ist beispielsweise eine ursprünglich afrikanische Philosophie nicht nur im Westen fast unbekannt, auch an afrikanischen Universitäten werden in der Regel ausschließlich westliche Denktraditionen gelehrt, was zum Vergessen der eigenen Philosophie beiträgt - hierbei spielte die Kolonialisierung mit der gleichzeitigen Übernahme westlicher Denkweisen eine wesentliche Rolle.
Eine berechtigte Frage, die sich stellt beim Vergleich mit anderen Philosophien - der nicht wertend sein will, aber dennoch um Objektivität bemüht ist - ist die, was denn eigentlich alles als Philosophie zu werten ist. Sind es kulturelle Gepflogenheiten, jegliche Denktraditionen, die eine Kultur vorzuweisen hat, wobei Philosophie nicht selten mit religiösen Denkauffassungen verwoben ist.